Anamnese bei tracheotomierten Patienten

Die Anamnese beim tracheotomierten Patienten ist umfangreicher als in anderen logopädischen Settings – und sie ist dringlicher. Sie entscheidet, welche Untersuchungsschritte überhaupt möglich sind, welche Risiken bestehen und welche Ziele realistisch sind. Wer ohne ausreichende Anamnese mit der Untersuchung beginnt, trifft Entscheidungen ohne Grundlage.

Vieles davon ist nicht vom Patienten zu erfragen – er kann oft nicht sprechen, ist kognitiv eingeschränkt oder zu erschöpft. Die Kurve, das Pflegeteam, Angehörige und der Verlegungsbericht sind mindestens gleichwertige Informationsquellen.

Medizinischer Kontext

Grund für die Tracheotomie

Die Indikation bestimmt den therapeutischen Korridor. Drei grundlegende Szenarien:

Langzeitbeatmung nach Intensivaufenthalt: Weaning-Status, Beatmungsparameter, Sedierungshistorie. Wie lange war der Patient beatmet? Ist eine Extubation angestrebt? Welche Grunderkrankung liegt vor, und ist sie reversibel?

Neurologische Erkrankung mit Dysphagie: Art und Ausmaß der Hirnschädigung, Lokalisation, Zeitpunkt. Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, hypoxische Hirnschädigung, degenerative Erkrankung – jede dieser Ätiologien hat ein anderes Dysphagieprofl und ein anderes Rehabilitationspotenzial.

Airwaymanagement: Tumor, Stenose, Trauma, Fehlbildung. Ist der obere Atemweg nach Dekanülierung frei? Was ist operativ geplant?

Kanülenhistorie

  • Welcher Kanülentyp liegt aktuell? Gecufft oder ungecufft? Mit Innenkanüle? Gefenstert?
  • Wie lange liegt die Kanüle bereits?
  • War die Kanüle je entblockt? Wurde ein Sprechventil versucht?
  • Gab es Komplikationen: Granulome, Blutungen, Infektionen?

Diese Informationen sind nicht immer korrekt dokumentiert. Im Zweifel: Kanüle direkt inspizieren und Typ selbst bestimmen.

Beatmung

  • Wird der Patient beatmut? Welcher Modus?
  • Wie viel Spontanatmung ist vorhanden?
  • Welche FiO₂ wird benötigt? Eine FiO₂ über 0,4 ist ein Warnsignal für eingeschränkte Entblockungs- und Untersuchungsbedingungen.
  • Wie ist die Oxygenierung unter Ruhebedingungen?

Ernährungsstatus

  • Wie wird der Patient ernährt – enteral, parenteral, oral, gemischt?
  • Besteht eine Kostform-Einschränkung?
  • Wann wurde zuletzt oral gegessen oder getrunken?

Kanülen- und Stomazustand

Bevor die Untersuchung beginnt: Stoma und Kanüle inspizieren.

  • Stoma: Rötung, Granulome, Mazeration, Sekret?
  • Kanüle: Typ korrekt? Korrekt fixiert? Cuff-Zustand?
  • Innenkanüle: vorhanden, sauber, korrekt eingesetzt?
  • Atemluftbefeuchtung: HME vorhanden und funktionsfähig? Aktives System?

Was hier auffällt, verändert den weiteren Untersuchungsplan.

Sekretmanagement

  • Wie ist die Sekretlage? Menge, Farbe, Konsistenz?
  • Wie oft wird abgesaugt? Tracheal, oropharyngeal?
  • Kann der Patient selbstständig abhusten?
  • Gibt es subglottisches Absaugen (Suction Aid)?

Häufiges Absaugen bei zähem Sekret ist ein Hinweis auf unzureichende Befeuchtung – und verändert die Befundstrategie.

Kognition und Vigilanz

  • Vigilanzniveau: wach, schläfrig, somnolent?
  • Orientierung zu Person, Ort, Zeit?
  • Befolgt der Patient einfache Aufforderungen?
  • Kann er Ja/Nein zuverlässig kommunizieren?

Kognition bestimmt, welche Untersuchungsanteile möglich sind und welche therapeutischen Techniken in Frage kommen. Ein Patient, der keine Aufforderungen befolgen kann, kann kein supraglottisches Schlucken erlernen.

Motorik und Körperkontrolle

  • Rumpfkontrolle: kann der Patient sitzen, gestützt sitzen, liegt er flach?
  • Handmotorik: relevant für Kommunikationshilfsmittel und Eigenverantwortung im Umgang mit Kanüle
  • Kraftreserven: Erschöpft sich der Patient schnell? Wie lange kann er aufrecht sitzen?

Vorbehandlung

  • Wurden bereits logopädische Maßnahmen durchgeführt? Mit welchem Ergebnis?
  • Gibt es eine vorherige FEES mit Befunddokumentation?
  • Wurde bereits entblockt? Wurde ein Sprechventil versucht – und wie wurde es toleriert?

Informationsquellen strukturiert nutzen

QuelleLiefert
Kurve / ArztbriefeDiagnosen, Beatmungsparameter, Laborbefunde, Medikation
PflegeteamKanülenalltag, Sekretmanagement, Vigilanzverlauf, Verhalten in der Nacht
AngehörigeVorerkrankungen, früheres Schluck- und Sprechverhalten, Patientenwille
Patient selbstEigensymptomatik, Motivation, subjektives Erleben – soweit kommunizierbar
Vorhergehende LogopädieBefunde, Verlauf, Therapieziele

Weiterführend: