Anamnese bei TK-Patienten

Bevor die erste Schluckuntersuchung stattfindet, bevor die Kanüle entblockt wird, bevor irgendeine therapeutische Maßnahme beginnt — steht die Anamnese. Beim tracheotomierten Patienten ist sie umfangreicher als in anderen logopädischen Settings, weil der klinische Kontext erheblich komplexer ist.

Vieles davon lässt sich aus der Dokumentation erheben, ohne den Patienten zu belasten. Manches ergibt sich erst im direkten Kontakt. Einiges liefert nur das Pflegeteam.


Medizinische Grundlagen

Grund für die Tracheotomie

Die Indikation für die Trachealkanüle bestimmt den therapeutischen Korridor. Ist die Indikation reversibel oder dauerhaft?

  • Langzeitbeatmung: Grunderkrankung? Weaning-Status?
  • Larynx- oder Trachealstenose: Operierbar? Stabil?
  • Neurogene Dysphagie: Welche Grunderkrankung, welcher Verlauf?
  • Sekretmanagementproblem: Ursache behandelbar?

Stomaart und Kanülendaten

  • Welche Technik wurde verwendet? Dilatation, konventionell, plastisch?
  • Wann wurde die Tracheotomie angelegt?
  • Welche Trachealkanüle liegt aktuell? Größe, Typ, Cuff ja/nein, Innenkanüle ja/nein
  • Wurde die Kanüle bereits gewechselt? Komplikationen dabei?

Diese Informationen stecken im Operationsbericht und im Kurvenblatt.

Beatmungsanamnese

  • Beatmet aktuell oder nicht?
  • Wenn beatmungsentwöhnt: seit wann? Vollständig?
  • Beatmungsparameter (wenn noch beatmet): Modus, PEEP, FiO₂
  • Dauer der Gesamtbeatmungszeit

Relevante Nebenerkrankungen

Besonders relevant für das TK-Management:

  • Neurologische Erkrankungen (Schlaganfall, Parkinson, ALS, Schädel-Hirn-Trauma, MS)
  • Pulmologische Erkrankungen (COPD, restriktive Lungenerkrankung, Pneumonie)
  • Onkologische Erkrankungen im Kopf-Hals-Bereich (Bestrahlung? OP?)
  • Gastroenterologische Erkrankungen (Reflux, Motilitätsstörungen des Ösophagus)
  • Immunsuppression (erhöhtes Infektionsrisiko)
  • Diabetes (verzögerte Wundheilung, neuropathische Veränderungen)

Aktuelle Medikamente

Für das TK-Management besonders relevant:

  • Antikoagulation (Risiko bei invasiven Maßnahmen)
  • Neuroleptika, Benzodiazepine, Opioide (Einfluss auf Vigilanz und Schluckreflexe)
  • Anticholinergika (Mundtrockenheit, Schluckveränderung)
  • Protonenpumpenhemmer (Refluxmanagement)

Aktuelle Situation

Sekretmanagement

  • Wie viel Sekret? Farbe, Konsistenz, Geruch (Hinweise auf Infektion)
  • Wie oft wird abgesaugt? Durch wen?
  • Wird subglottisch abgesaugt?
  • HME oder Airvo im Einsatz?
  • Inhalationstherapie?
  • Schluckt der Patient Speichel spontan?

Ernährung

  • Enterale Ernährung (Magensonde, PEG)? Seit wann?
  • Parenterale Ernährung?
  • Orale Ernährung: wenn ja, welche Konsistenz, welche Menge?
  • Gewichtsverlauf

Vigilanz und Tagesrhythmus

  • Wann ist der Patient am wachsten?
  • Schlafrhythmus, Schmerzmittelgaben, Sedierungsprotokoll
  • Kann der Patient Kommandos befolgen? Kommunizieren?

Kognition und Kommunikation

Kognitive Funktion

  • Orientierung zu Person, Ort, Zeit?
  • Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit
  • Aphasie (wenn ja: welcher Typ, welcher Schweregrad)?
  • Apraxie?

Diese Informationen beeinflussen sowohl die Untersuchbarkeit als auch die Therapiefähigkeit — und damit den gesamten Therapieplan.

Kommunikation aktuell

  • Wie kommuniziert der Patient derzeit? Schreiben, Gesten, Lippenlesen, Kommunikationshilfen?
  • Versteht der Patient gesprochene Sprache?
  • Liegt eine bekannte Kommunikationsstörung vor?

Stoma und lokaler Befund

Bereits in der Anamnese lässt sich vieles klären, was für die klinische Untersuchung relevant ist:

  • Wie alt ist das Stoma?
  • Gab es Komplikationen (Infektionen, Blutungen, Fehllage)?
  • Wurde die Kanüle schon einmal passager entfernt? Wie hat sich das Stoma verhalten?
  • Gibt es Hinweise auf Granulome (blutiges Sekret, erhöhter Atemwiderstand)?

Soziale Anamnese und Entlassungsplanung

Häusliche Situation

  • Lebt der Patient alleine? Mit Angehörigen?
  • Pflegeperson zu Hause?
  • Ambulante Pflegedienste bekannt?
  • Ziel: häusliche Entlassung oder stationäre Weiterversorgung?

Prämorbider Zustand

  • Wie war die Schluckfunktion vor der Akutereignis?
  • Bekannte Vorerkrankungen, die die Schluckfunktion bereits vor der Tracheotomie beeinträchtigt haben?
  • Raucherstatus (relevant für Schleimhautqualität und Husteneffektivität)

Patientenwille und Therapieziele

  • Was wünscht sich der Patient? Was ist sein Ziel?
  • Dekanülierung als erklärtes Ziel — oder nicht?
  • Wenn nicht einwilligungsfähig: Patientenverfügung, Vorsorgebevollmächtigung, gesetzliche Vertretung?

Informationsquellen systematisch nutzen

QuelleInhalte
Arztbrief / AufnahmebefundDiagnose, Operationsbericht, Medikamente
Kurvenblatt / PflegedokumentationVitalwerte, Absaugfrequenz, Sekretbeschreibung, Vigilanz
BeatmungsprotokollBeatmungsparameter, Weaningfortschritt
Pflegeteam (Übergabe)Tagesform, Besonderheiten, praktische Erfahrungen
PhysiotherapieMobilisation, Atemtherapie, Hustenfähigkeit
AngehörigePrämorbider Zustand, Kommunikation, häusliche Situation
Patient selbstBeschwerden, Wünsche, Vorgeschichte (wenn kommunizierbar)

Weiterführend