Voraussetzungen für die Dekanülierung

Bevor eine Dekanülierung versucht wird, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Es gibt keine universelle, evidenzbasierte Checkliste, die weltweit einheitlich angewendet wird — die Literatur beschreibt verschiedene Kriterienkataloge, die sich in Details unterscheiden. Die folgende Übersicht orientiert sich an den in der klinischen Praxis am häufigsten verwendeten Kriterien.

Entscheidend ist nicht das Abarbeiten einer Liste — entscheidend ist das Gesamtbild des Patienten.


Respiratorische Voraussetzungen

Ausreichende Spontanatmung

Der Patient muss in der Lage sein, ohne maschinelle Unterstützung zu atmen — stabil, dauerhaft und ohne exzessive Atemarbeit. Das schließt ein:

  • Kein Beatmungsbedarf oder vollständige Beatmungsentwöhnung (Weaning)
  • Ausreichende Atemtiefe und -frequenz (Atemfrequenz < 25/min im Ruhezustand)
  • Keine Zeichen von respiratorischer Erschöpfung (Einziehungen, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Nasenflügeln)
  • Stabile Sauerstoffsättigung ohne oder mit geringer Sauerstoffzufuhr (SpO₂ ≥ 92 % bei FiO₂ ≤ 0,4)

Ausreichende Hustenkapazität

Ein effektiver Hustenstoß ist notwendig, um nach der Dekanülierung die Atemwege selbstständig reinigen zu können. Der Husten muss kräftig genug sein, um Sekret aus der Trachea zu befördern.

Beurteilung: Patient wird aufgefordert, kräftig zu husten (bei entblockter Kanüle oder nach passagerer Dekanülierung). Der Hustenstoß sollte hörbar und spürbar kräftig sein.

Bei grenzwertigem Husten: Hustenunterstützungsmaßnahmen (CoughAssist) einplanen.

Kein übermäßiger Sekretbedarf

Das Sekretaufkommen muss beherrschbar sein — der Patient muss in der Lage sein, sein Sekret selbstständig oder mit überschaubarem Aufwand zu managen. Wenn transtracheales Absaugen mehrmals täglich unbedingt notwendig ist und kein anderer Weg zur Sekretbewältigung gefunden werden kann, ist die Dekanülierung verfrüht.


Schluck- und Aspirationsschutz

Ausreichend sicheres Schlucken

Das Aspirationsrisiko nach Dekanülierung muss vertretbar sein. „Keine Aspiration“ ist in vielen Fällen kein realistisches Ziel — aber:

  • Keine schwere, unkontrollierte Aspiration großer Mengen
  • Ausreichender Glottisschluss (beurteilbar per FEES)
  • Funktionsfähiger Hustenreflex als Schutz bei Penetration oder Mikro-Aspiration

Instrumentelle Diagnostik vor Dekanülierung: Eine FEES sollte — wenn möglich — vor der Dekanülierung durchgeführt werden, um das Aspirationsrisiko bei entblockter Kanüle und unter Sprechventil realistisch einzuschätzen. Klinische Beurteilung allein ist nicht ausreichend.

Ausreichendes Sekretmanagement

Der Patient muss Speichel und pharyngeales Sekret ausreichend managen können — spontan schlucken oder zumindest effektiv abhusten.


Neurologische und kognitive Voraussetzungen

Ausreichende Vigilanz

Der Patient muss wach genug sein, um auf Komplikationen (Sekretretention, Atemnot) zu reagieren oder zumindest beobachtbar zu sein. Tiefe Bewusstseinsstörung ist keine absolute Kontraindikation — aber sie erhöht die Anforderungen an Monitoring und Pflege erheblich.

Grundlegende Schutzreflexe

Husten- und Würgereflex sollten funktionsfähig sein. Ihr vollständiges Fehlen bei gleichzeitig fehlender Vigilanz ist eine relative Kontraindikation.


Anatomische und lokale Voraussetzungen

Durchgängiger Larynx

Die Ausatemluft muss nach Dekanülierung durch den Larynx strömen können. Stenosen, Ödeme oder Granulome, die den Luftweg relevant einengen, müssen vor der Dekanülierung behandelt werden.

Beurteilung: Bei Verdacht auf Obstruktion → HNO-Konsil, Laryngoskopie, ggf. FEES.

Okklusionstest als Vorabprüfung: Wenn der Patient bei manuell verschlossener Kanüle nicht durch Mund oder Nase ausatmen kann, ist die Dekanülierung kontraindiziert bis die Ursache geklärt und behoben ist.

Stabiles Tracheostoma

Das Stoma sollte für den Wechsel- und Dekanülierungsvorgang ausreichend stabil sein. Bei frischer Dilatation oder entzündlichem Stoma ggf. abwarten.


Praktische Voraussetzungen

Passagere Dekanülierung erfolgreich absolviert

Idealerweise hat der Patient bereits mindestens eine passagere Dekanülierung toleriert — also eine definierte Phase ohne Kanüle, nach der die Kanüle wieder eingelegt wurde. Das gibt Sicherheit über das Verhalten des Stomas und die Toleranz des Patienten.

Notfallausrüstung verfügbar

Beim ersten Dekanülierungsversuch und in den ersten Stunden danach:

  • Passende Ersatzkanüle griffbereit (gleiche Größe + eine Größe kleiner)
  • Absauggerät betriebsbereit
  • Sauerstoff verfügbar
  • Monitoring (SpO₂) laufend

Checkliste: Übersicht

KriteriumBeurteilungsweg
Spontanatmung ausreichendKlinisch, SpO₂, Atemfrequenz
Beatmung vollständig entwöhntBeatmungsgerät, Arzt
Hustenkapazität ausreichendKlinisch beim Entblocken
Sekretaufkommen beherrschbarKlinisch, Pflege
Aspiration vertretbarFEES, KSU
Speichelmanagement möglichKlinisch
Vigilanz ausreichendKlinisch
Schutzreflexe vorhandenKlinisch
Larynx durchgängigOkklusionstest, ggf. FEES/HNO
Passagere Dekanülierung toleriertTherapeutisch
Notfallequipment verfügbarOrganisatorisch

Was wenn nicht alle Kriterien erfüllt sind?

Selten sind alle Kriterien gleichzeitig und vollständig erfüllt. In der Praxis ist die Dekanülierung oft eine Abwägungsentscheidung — welche Risiken sind vertretbar, welche nicht?

Diese Entscheidung liegt beim Arzt, auf Basis der Einschätzung des Gesamtteams. Die Logopädin liefert die Einschätzung zu Schlucken, Hustenkapazität und Larynxdurchgängigkeit — ihr Votum hat Gewicht.

Wenn Unsicherheit besteht: Die passagere Dekanülierung als Testlauf nutzen, bevor die endgültige Entscheidung fällt.


Weiterführend