Therapeutisches Absaugen

Logopädinnen, die tracheotomierte Patienten behandeln, kommen zwangsläufig in Situationen, in denen sie absaugen müssen oder sollten. Das Absaugen durch die Trachealkanüle ist eine delegierte ärztliche Tätigkeit — und eine, die beherrscht werden muss.


Rechtlicher Rahmen

Das transtracheale Absaugen ist eine ärztliche Tätigkeit, die an Logopädinnen und Pflegekräfte delegiert werden kann. Voraussetzung ist eine explizite ärztliche Delegationsanordnung sowie der Nachweis der notwendigen Kompetenz.

In Österreich ist die Logopädie durch das Gesundheitsberufe-Kompetenz-Strukturgesetz (GuKG und MTD-Gesetz) klar im Rahmen des TK-Managements positioniert — das Absaugen ist dort ein anerkannter Bestandteil des logopädischen Tätigkeitsfelds. Rechtliche Details: Rechtliche Aspekte


Wann Absaugen notwendig ist

Absaugen ist kein Routineeingriff nach Zeitplan. Es ist indiziert, wenn:

  • Sekret in der Kanüle oder Trachea hörbar ist (Rasseln, feuchtes Atemgeräusch)
  • Die SpO₂ ohne erklärbaren Grund abfällt
  • Beim Entblocken Sekret in die Trachea gelaufen ist und nicht abgehustet wird
  • Der Patient nicht in der Lage ist, Sekret selbstständig abzuhusten

Absaugbereitschaft — Gerät eingeschaltet, Katheter griffbereit — muss bei jedem Entblockungsversuch bestehen.


Kurze vs. lange Absaugkatheter

Ein wichtiger Unterschied, der in der Praxis häufig übersehen wird: Absaugkatheter für tracheotomierte Patienten sind kürzer als jene für oral oder nasal intubierte Patienten.

Intubierte Patienten (Endotrachealtubus):
Der Tubus liegt trans laryngeal — seine Länge beträgt vom Mund bis zur Kanülenspitze ca. 22–26 cm (oral) oder 26–30 cm (nasal). Entsprechend müssen Absaugkatheter lang genug sein, um den Tubus zu durchqueren und darunter zu gelangen. Standardkatheter für Intubierte: 50–60 cm.

Tracheotomierte Patienten (Trachealkanüle):
Die Trachealkanüle ist deutlich kürzer — typischerweise 7–12 cm. Ein Katheter mit 50 cm würde beim Tracheotomierten weit über die Carina hinaus in die Bronchien vorgeschoben werden, bevor die Einführtiefe am Katheter „aufgebraucht“ ist — mit dem Risiko von Schleimhautverletzungen, Bronchospasmus und Vagusreizen.

Für tracheotomierte Patienten werden kürzere Absaugkatheter verwendet — typischerweise 30–40 cm. Auf Intensivstationen, wo beide Patientengruppen versorgt werden, müssen die richtigen Katheter griffbereit und klar beschriftet sein.

Einführtiefe: Kanülenlänge + ca. 1 bis 2 cm. Nie tiefer als nötig, nie bis zur Carina.


Offene vs. geschlossene Absaugsysteme

Offenes System

Das klassische Vorgehen: steriler Einmalkatheter, der offen durch die Kanüle geführt wird. Nach Gebrauch Verwerfen.

Vorteile: Einfach, günstig, immer steril (frischer Katheter).
Nachteile: Beatmungskreislauf muss diskonnektiert werden (kurze Apnoe beim Beatmeten), erhöhtes Infektionsrisiko durch Kontamination der Umgebung.

Geschlossenes Absaugsystem (In-line-Suction)

Beim geschlossenen System ist der Absaugkatheter in eine sterile Hülle eingeschlossen und permanent im Beatmungskreislauf integriert. Das Absaugen erfolgt, ohne den Kreislauf zu öffnen.

Aufbau: Ein transparentes Kunststoffhüllensystem umschließt den Katheter. Beim Absaugen wird der Katheter durch die Hülle in die Trachea vorgeschoben — die Beatmung läuft ungehindert weiter.

Vorteile:

  • Kein Unterbrechen der Beatmung → keine Apnoephasen, stabiler pO₂
  • Geringere Aerosolbildung und Erregerexposition für das Personal
  • Sinnvoll bei Patienten mit hohem Beatmungsbedarf (hoher PEEP, schwere ARDS), bei denen jede Diskonnektion kritisch ist
  • Reduziert den Zeitaufwand für das Absaugen

Nachteile:

  • System muss regelmäßig gewechselt werden (alle 24–72 Stunden, je nach Hersteller)
  • Katheter kann sich mit Sekret kontaminieren und muss nach jedem Absaugen mit NaCl gespült werden
  • Höhere Anschaffungskosten

Indikation: Primär bei beatmeten Patienten auf der Intensivstation. Bei spontanatmenden Patienten in der Regel offenes System ausreichend.


Vorbereitung

  • Absauggerät einschalten und auf korrekte Sogstärke einstellen (ca. 80–120 mmHg)
  • Richtigen Katheter wählen: kurzer Katheter für TK-Patienten, Größe passend (max. ½ des Kanülen-Innendurchmessers; Details)
  • Sterile Handschuhe oder Non-Touch-Material bereitlegen
  • Spülwasser (sterile NaCl 0,9 %) griffbereit
  • HME von der Kanüle diskonnektieren (bei offenem System)

Vorgehen: offenes System

  1. Sterile Handschuhe anlegen
  2. Absaugkatheter steril entnehmen — Spitze nicht kontaminieren
  3. Fingerventil offen lassen (kein Sog)
  4. Katheter ohne Sog einführen — bis zur korrekten Tiefe (Kanülenlänge + ca. 1 cm)
  5. Fingerventil schließen → Sog aktivieren
  6. Katheter beim Rückzug langsam und gleichmäßig herausziehen
  7. Maximale Absaugzeit: 10–15 Sekunden pro Durchgang
  8. Katheter in Spülwasser durchspülen (reinigt den Schlauch)
  9. Bei Bedarf wiederholen — kurze Pause zwischen den Durchgängen
  10. Einmalkatheter nach Gebrauch verwerfen

Sogstärke

Empfohlener Unterdruck: 80–120 mmHg (ca. 100–160 cmH₂O).

Zu hoher Sog verletzt die Tracheaschleimhaut. Zu niedriger Sog ist ineffektiv. Einstellung vor der Therapie prüfen.


Was nicht zu tun ist

  • Katheter mit aktivem Sog einführen
  • Zu tief einführen (Carina-Kontakt)
  • Zu lange absaugen ohne Pause (> 15 Sekunden)
  • Langen Intubationskatheter bei TK-Patient verwenden
  • Denselben Katheter für oropharyngeales und transtracheales Absaugen (Keimverschleppung)
  • Nicht-sterile Materialien verwenden

Weiterführend