Therapeutisches Absaugen

Absaugen ist eine der häufigsten Maßnahmen in der Trachealkanülenversorgung – und eine der Maßnahmen, die am häufigsten falsch durchgeführt wird. Zu oft, zu tief, zu aggressiv, zu routiniert. Das therapeutische Absaugen ist kein Standardvorgang nach Zeitplan, sondern eine indikationsgesteuerte, technisch präzise Intervention mit relevantem Komplikationspotenzial.

Grundprinzip: Absaugen auf Indikation

Absaugen sollte ausschließlich dann erfolgen, wenn Sekret vorhanden ist, das der Patient nicht selbstständig mobilisieren kann, und wenn andere Maßnahmen – Inhalation, Lagerung, assistierter Husten – nicht ausreichen.

Routinemäßiges Absaugen nach festem Zeitintervall ist nicht evidenzbasiert und unnötig traumatisierend.

Klinische Zeichen für Absaugbedarf

  • Hörbare Rasselgeräusche oder Stridor
  • Sichtbares Sekret im Kanülenlumen
  • SpO₂-Abfall ohne andere Ursache
  • Zunehmende Atemarbeit
  • Patient signalisiert Atembehinderung

Absaugtiefe: Flaches Absaugen ist Standard

Die Frage der Absaugtiefe ist klinisch bedeutsam und wird in der Praxis häufig falsch beantwortet.

Flaches Absaugen bedeutet: Der Katheter wird nur bis zum Ende der Trachealkanüle – maximal 1–2 cm darüber hinaus – vorgeschoben. Das ist ausreichend, um Sekret aus dem Kanülenlumen und dem unmittelbar distalen Trachealbereich zu entfernen.

Tiefes Absaugen – Vorschub bis zum Widerstand, also Kontakt mit der Tracheahinterwand oder der Karina – verursacht:

  • Schleimhautläsionen an der vulnerablen Tracheahinterwand
  • Vagale Reaktionen (Bradykardie, Bronchospasmus)
  • Erhöhtes Blutungsrisiko
  • Keine nachgewiesene Überlegenheit gegenüber flachem Absaugen

Flaches Absaugen ist der evidenzbasierte Standard. Tiefes Absaugen ist nur in definierten Ausnahmesituationen indiziert.

Absaugdruck

Empfohlener Absaugdruck: 80–120 mmHg bei Erwachsenen. Höhere Drücke erhöhen das Traumarisiko ohne Steigerung der Effektivität.

Der Unterdruck wird nach Möglichkeit beim Herausziehen des Katheters angelegt – nicht beim Einführen oder Vorschieben.

Katheterauswahl

Der Außendurchmesser des Absaugkatheters sollte circa die Hälfte des Innendurchmessers der Trachealkanüle betragen.

Bei Kanülen mit Innenkanüle: Innenkanüle immer einlegen vor dem Absaugen. Bei gefensterten Außenkanülen muss die ungefensterte Innenkanüle eingesetzt sein, damit der Absaugkatheter nicht durch die Fensterung in das peritracheale Gewebe vordringt.

Kanülen mit Suction Aid: klinisch differenziert einsetzen

Kanülen mit subglottischem Absaugkanal (Suction Aid) ermöglichen das Absaugen oberhalb des Cuffs – ein echter klinischer Vorteil bei beatmeten Patienten mit hohem VAP-Risiko; wenn die Trachealkanüle nicht regelmäßig entblockt werden kann.

Gerade in der Rehabilitationsphase, wenn die Trachealkanüle regelmäßig entblockt werden muss und das Ziel die Luftumlenkung durch den Larynx und Pharynx ist, muss das Verhältnis von Innen- zu Außendurchmesser bedacht werden. Trachealkanülen mit Suction Aid haben ein sehr schlechtes Verhältnis dieser beiden Werte.

Offenes vs. geschlossenes Absaugsystem

Offenes System

Einmalkatheter, direkter Einführung über die Kanüle. Erfordert kurze Unterbrechung der Beatmung oder Diskonnektion.

  • Standard bei spontanatmenden Patienten
  • Bei beatmeten Patienten: kurze Beatmungsunterbrechung tolerierbar bei stabiler Sättigung

Geschlossenes System (In-line)

Dauerhaft am Beatmungskreislauf angebracht, Absaugen ohne Beatmungsunterbrechung.

Indiziert bei:

  • Beatmeten Patienten mit hohem FiO₂-Bedarf (> 0,6)
  • Patienten, die Beatmungsunterbrechungen schlecht tolerieren
  • PEEP-abhängigen Patienten

Nicht reflexartig bei allen beatmeten Patienten – der geschlossene Katheter muss regelmäßig gewechselt werden und kann bei unzureichender Pflege zum Infektionsträger werden.

Hygienische Grundregeln

  • Sterile Handschuhe beim Absaugen (offenes System)
  • Einmalkatheter: einmal verwenden, dann verwerfen
  • Kein Rückspülen des Katheters vor dem Absaugen in die Trachea
  • Absaugschlauch und -behälter regelmäßig wechseln

Komplikationen und Warnsignale

ZeichenMögliche UrsacheReaktion
BradykardieVagale Reaktion durch KatheterAbsaugvorgang sofort beenden
SpO₂-AbfallHypoxie durch zu langes AbsaugenPausen einhalten, O₂ erhöhen
BlutbeimengungSchleimhautläsionTechnik überprüfen, ärztliche Einschätzung
Patient hustet starkNormaler SchutzreflexPositiv – signalisiert intakten Hustenreflex
Sekret nicht absaugbarZu zähes SekretBefeuchtung optimieren, nicht mehr Druck

Weiterführend: