Die pharyngeale Elektrostimulation ist ein apparatives Verfahren zur Behandlung neurogener Dysphagie. Sie kann — unter den richtigen Indikationen — ein sinnvoller Baustein im Therapiekonzept tracheotomierter Patienten sein.
Wirkprinzip
Die pharyngeale Elektrostimulation (PES) zielt darauf ab, die kortikale Repräsentation des Schluckakts zu beeinflussen — also die Schlucksteuerung im Gehirn.
Zwei Elektroden, die an einer Nasogastralsonde platziert sind, geben elektrische Impulse an die Pharynxhinterwand ab. Diese afferente Stimulation des N. vagus und des N. glossopharyngeus soll die kortikale Plastizität anregen: das Schlucksteuerungszentrum der (bei Schlaganfall meist betroffenen) dominanten Hemisphäre kann von der kontralateralen, nicht-dominanten Hemisphäre kompensiert werden.
Dieser Mechanismus der kortikalen Reorganisation wurde in funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) nachgewiesen — erhöhte Aktivität im nicht-dominanten Schlucksteuerungszentrum nach Stimulation.
Das Verfahren ist in Deutschland und Österreich unter dem Produktnamen Phagenyx bekannt.
Indikation
Die pharyngeale Elektrostimulation ist indiziert bei:
- Neurogener Dysphagie nach Schlaganfall, besonders wenn das Schlucken trotz konventioneller Therapie insuffizient bleibt
- Tracheotomierten Patienten mit neurogener Dysphagie, bei denen eine Dekanülierung wegen persistierender Aspiration nicht möglich ist
- Patienten mit prolongiertem Weaning, bei dem die Schluckstörung ein limitierender Faktor ist
Die Evidenz ist für den Schlaganfall am stärksten. Die PHAST-TRAC-Studie zeigte eine signifikant höhere Dekanülierungsrate bei tracheotomierten Schlaganfallpatienten, die mit pharyngealer Elektrostimulation behandelt wurden, im Vergleich zur Kontrollgruppe.
Durchführung
Das Standardprotokoll sieht drei Behandlungssitzungen an drei aufeinanderfolgenden Tagen vor.
Sonde und Elektroden:
Die Stimulationssonde wird transnasal eingelegt — vergleichbar mit einer Nasogastralsonde. Sie verbleibt für die gesamte Behandlungsphase (3 Tage) im Patienten und wird nicht nach jeder Sitzung entfernt. Die Sonde ist für den Mehrfachgebrauch über den Behandlungszeitraum ausgelegt.
Bei Patienten mit laufender enteraler Ernährung über eine bestehende Nasogastralsonde kann dieselbe Sonde für Ernährung und Stimulation genutzt werden — kein zweiter nasaler Zugang notwendig.
Sitzungsablauf:
- Positionierung der Elektroden in Höhe des Hypopharynx kontrollieren
- Individuelle Reizschwelle bestimmen (niedrigste Intensität, die der Patient wahrnimmt oder auf die er reagiert)
- Stimulation für 10 Minuten mit einer Intensität 75 % oberhalb der Reizschwelle
- Patient bleibt in der Zwischenzeit normal versorgt — Ernährung läuft weiter, Sonde liegt
Kombination mit konventioneller Therapie
Die pharyngeale Elektrostimulation ersetzt keine konventionelle Schlucktherapie — sie ergänzt sie. In der klinischen Praxis wird sie als Kurskurs (3 Tage) durchgeführt, danach wird die konventionelle Schluck- und TK-Therapie fortgesetzt.
Eine Wiederholung des Stimulationskurses nach einigen Wochen ist möglich, wenn die erste Behandlung Wirkung gezeigt hat und die Schluckfunktion weiter verbesserungsbedürftig ist.
Evidenz
- Mehrere randomisierte kontrollierte Studien zeigen Wirksamkeit bei neurogener Dysphagie nach Schlaganfall
- Die PHAST-TRAC-Studie (2016) zeigte spezifisch für tracheotomierte Patienten eine beschleunigte Dekanülierung
- Metaanalysen bestätigen die Wirkung auf Schluckfunktion und kortikale Plastizität
Einschränkungen: Die meisten Studien wurden mit dem Phagenyx-System durchgeführt. Evidenz für nicht-vaskuläre Ätiologien (z.B. traumatische Hirnverletzung, neuromuskuläre Erkrankungen) ist noch begrenzt.
Kontraindikationen
- Epilepsie
- Implantierte elektronische Geräte im Kopf-/Halsbereich (Herzschrittmacher im Halsbereich, Cochlea-Implantat — Abstand prüfen)
- Anatomische Verhältnisse, die das Einlegen der Sonde unmöglich machen
- Fehlende Einwilligungsfähigkeit ohne Vorliegen einer Patientenverfügung oder gesetzlicher Vertretung
Praktischer Hinweis für Logopädinnen
Die Durchführung der pharyngealen Elektrostimulation erfordert eine spezifische Einweisung in das System. Sie ist keine Standardmaßnahme aller Logopädinnen, sondern eine Spezialkompetenz. Die Indikationsstellung sollte interdisziplinär (Logopädie, Neurologie, Intensivmedizin) erfolgen.