Der Wechsel einer Trachealkanüle ist grundsätzlich eine ärztliche Tätigkeit. Er kann unter bestimmten Bedingungen an Logopädinnen und Pflegekräfte delegiert werden — aber aus therapeutischer Sicht besteht nur sehr selten die Notwendigkeit, dass Logopädinnen einen Wechsel selbst durchführen.
Wer wechselt Trachealkanülen?
Primär: In Deutschland eher Ärzte, häufig in Zusammenarbeit mit Pflegekräften. In Österreich eher Pflegende und Logopäd:innen.
Delegiert: Pflegekräfte und in bestimmten Settings auch Logopädinnen — wenn eine explizite ärztliche Delegation vorliegt, die Kompetenz nachgewiesen ist und das institutionelle Rahmenwerk es erlaubt.
Nie alleine: Ein Trachealkanülenwechsel ist immer eine Zwei-Personen-Aufgabe. Eine Person führt den Wechsel durch, die andere übernimmt Nebenaufgaben (Entblocken, Absaugen, Obturator bereithalten, Monitoring).
Wann Logopädinnen wechseln
In der therapeutischen Praxis gibt es zwei Situationen, in denen Logopädinnen mit einem Kanülenwechsel konfrontiert werden können:
1. Passagere Dekanülierung im Rahmen des Dekanülierungsschemas
Die Trachealkanüle wird vorübergehend entfernt — der Patient verbleibt für eine definierte Zeit ohne Kanüle, dann wird sie wieder eingelegt. Das ist ein therapeutischer Wechsel mit klar definiertem Ziel im Dekanülierungsprozess.
2. Notfallwechsel bei Verlegung der Kanüle
Wenn die Kanüle verlegt ist (Sekret, Borken) und nicht mehr durchgängig ist und Absaugen nicht hilft, muss die Kanüle gewechselt werden. Das ist ein Notfall — in dem die erstanwesende kompetente Person handeln muss.
Voraussetzungen für den Wechsel
Rechtlich
- Ärztliche Delegationsanordnung — schriftlich oder eindeutig mündlich mit Dokumentation
- Nachgewiesene Kompetenz (Übung unter Supervision, keine Selbstausbildung am Patienten)
- Institutioneller Rahmen (Klinikrichtlinien)
Klinisch
- Abklärung der Stomaart: Dilatation, konventionell oder plastisch? Das bestimmt, wie sich das Stoma beim Wechsel verhält.
- Materialbedarf bekannt und griffbereit
- Zweite Person anwesend
- Notfallausrüstung vorbereitet
Material
Vor dem Wechsel alles bereitlegen — Hektik beim Wechsel ist vermeidbar:
- Neue Trachealkanüle (gleiche Größe + eine Größe kleiner als Reserve)
- Obturator der neuen Kanüle
- Blockungs- und Entblockungsspritze (10 ml)
- Gleitgel (wasserlöslich, steril)
- Absaugkatheter, Absauggerät eingeschaltet
- Sterile Handschuhe
- Haltebänder für neue Kanüle
- Taschenlampe oder gute Beleuchtung
- Ggf. Trachealdilatator bei engem Stoma
Ablauf
- Patient informieren und lagern (Schultern unterlagern, Hals leicht überstrecken — öffnet das Stoma)
- Material prüfen: Cuff der neuen Kanüle auf Dichtheit prüfen (kurz aufblasen, wieder entleeren), Obturator einsetzen, Kanüle benetzen
- Alte Kanüle entblocken (Luft ablassen)
- Stoma und Trachea absaugen
- Haltebänder der alten Kanüle lösen
- Alte Kanüle mit gleichmäßigem Zug herausziehen — ruhig, keine Hektik
- Neue Kanüle sofort mit Obturator einführen — dem Winkel des Stomas folgen, nicht drücken
- Obturator sofort entfernen (!)
- Neuen Cuff aufblocken
- Kanülenlage prüfen: Patient atmet, Atemgeräusch beidseits, keine Atemnot
- Haltebänder anlegen
- Cuff-Druck messen und dokumentieren
Das Zweipersonen-Prinzip
Eine Person führt den Wechsel durch und hat die Hände frei für die Kanüle. Die zweite Person:
- Hält Absauger bereit und saugt bei Bedarf ab
- Reicht Material (neue Kanüle, Spritze)
- Beobachtet den Patienten (SpO₂, Gesichtsfarbe)
- Kann im Notfall sofort handeln
Kein Trachealkanülenwechsel alleine — keine Ausnahmen.
Besonderheiten bei verschiedenen Stomaarten
Dilatationsstoma: Zieht sich nach Entfernung der Kanüle schnell zusammen. Die neue Kanüle muss zügig eingeführt werden. Bei engem Stoma: Dilatator verwenden, nicht Gewalt einsetzen.
Konventionelles Stoma: Stabiler, mehr Zeit verfügbar. Trotzdem zügig vorgehen.
Plastisches Stoma: Sehr stabil, kaum Zeitdruck beim Einführen.
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
Obturator nicht sofort entfernen:
Der Obturator verschließt das Kanülenlumen — der Patient kann nicht atmen, solange er drin ist. Sofort nach dem Einführen herausziehen.
Falsche Richtung beim Einführen:
Die Kanüle dem natürlichen Bogen des Stomas folgen lassen — nicht drücken oder drehen. Widerstand → Stopp, Lage prüfen.
Keine Reserve-Kanüle griffbereit:
Wenn die neue Kanüle nicht passt oder defekt ist, muss sofort eine Alternative verfügbar sein. Immer eine Kanüle eine Größe kleiner vorbereiten.
Hektik:
Ruhiges, koordiniertes Vorgehen ist sicherer als schnelles. Gute Vorbereitung verhindert Hektik.