Mundpflege bei tracheotomierten Patienten wird im Stationsalltag oft als pflegerische Routineaufgabe behandelt. Sie ist mehr als das: Sie ist eine therapeutische Maßnahme mit direktem Einfluss auf Aspirationsrisiko, Schluckfunktion und die Vorbereitung auf orale Ernährung.
Logopädinnen sollten Mundpflege nicht delegieren und abwarten — sie sollten sie selbst durchführen, beobachten und als diagnostisches Fenster nutzen.
Warum Mundpflege therapeutisch relevant ist
Bei tracheotomierten Patienten akkumulieren sich im Mund-Rachen-Raum Sekret, Speichel und Nahrungsreste — besonders bei Patienten, die nicht oder nicht ausreichend schlucken. Dieser Bereich ist bei geblocker Trachealkanüle von der normalen Reinigungsfunktion (Schlucken, Sprechen, Kauen) weitgehend abgekoppelt.
Folgen unzureichender Mundpflege:
- Hohe Erregerdichte im Oropharynx — wichtige Eintrittspforte für Aspirationspneumonien
- Biofilmbildung auf Schleimhäuten und Zähnen (Plaque, Gingivitis)
- Austrocknung der Mundschleimhaut → Borkenbildung, erhöhtes Unbehagen
- Verminderte Bereitschaft des Patienten, orale Stimulation zu tolerieren
Für beatmete Patienten ist die orale Dekontamination einer der stärksten Einzelfaktoren in der VAP-Prophylaxe (ventilatorassoziierte Pneumonie).
Ziele der therapeutischen Mundpflege
- Reduktion der Erregerlast im Oropharynx
- Erhaltung der oralen Sensibilität
- Vorbereitung der Mundschleimhäute für orale Stimulation und Schluckversuche
- Sekretmanagement im Mundraum
- Komfort und Lebensqualität
Häufigkeit
Mindestens dreimal täglich. Bei beatmeten Patienten und stark sekretierenden Patienten häufiger — bis zu sechsmal täglich ist bei ausgeprägter Sekretion sinnvoll.
Mundpflege vor der Logopädie-Therapie reinigt den Mund und verbessert die Ausgangsbedingungen für Schluckversuche. Mundpflege nach der Therapie entfernt Reste.
Materialien
Zahnbürste (weich) oder Mundpflegestäbchen:
Die mechanische Reinigung ist entscheidend — sie entfernt Plaque und Biofilm, die durch Spülen allein nicht beseitigt werden. Weiche Zahnbürste ist dem Mundpflegestäbchen vorzuziehen, wenn der Patient es toleriert.
Chlorhexidin-Lösung (0,12–0,2 %):
Bei beatmeten Patienten zur Reduktion der Erregerlast empfohlen. Evidenz für VAP-Reduktion ist gut belegt. Nicht für alle Patienten indiziert — bei nicht-beatmeten Patienten ist der Einsatz abzuwägen (Schleimhautreizung bei Dauergebrauch).
Steriles Wasser oder NaCl 0,9 %:
Zur Befeuchtung und Spülung, besonders bei trockener Mundschleimhaut.
Speichelersatz / Mundgel:
Bei ausgeprägter Mundtrockenheit (Xerostomie) — z.B. bei Patienten mit Speichelflussreduktion durch Medikamente oder nach Bestrahlung.
Absaugmöglichkeit:
Immer bereit haben. Nicht jeder Patient kann Spülflüssigkeit sicher schlucken oder aushusten.
Durchführung
- Lagerung: Oberkörper mindestens 30° hochlagern, Kopf leicht zur Seite geneigt
- Material bereitlegen, Absauger einschalten
- Mundhöhle inspizieren: Schleimhautzustand, Sekretmenge, Borken, Auffälligkeiten
- Mechanische Reinigung: Zähne, Zahnfleisch, Zunge, Wangeninnenflächen — systematisch, nicht nur die Zähne
- Ggf. Chlorhexidin-Lösung einwirken lassen (nach Herstellerangabe)
- Abspülen mit Wasser oder NaCl
- Sekret und Flüssigkeit absaugen
- Lippen und Mundwinkel eincremen (Vaseline oder Lippenpflegestift) bei Trockenheit
Mundpflege als diagnostisches Fenster
Die Mundpflege ist eine der wenigen Situationen, in denen Logopädinnen systematisch die Mundhöhle und das orale Schlucken beobachten können:
- Schluckreflex: Wird die Spülflüssigkeit spontan geschluckt? Verzögert? Gar nicht?
- Orale Sensibilität: Reagiert der Patient auf Berührung der Zunge, des Gaumens, der Wangen?
- Speichelproduktion: Trocken? Normal? Hypersalivation?
- Zahnstatus: Prothese vorhanden? Sitzt sie? Relevant für spätere Kostanpassung.
- Schleimhautzustand: Entzündungen, Soor, Druckstellen, Verletzungen
Diese Beobachtungen fließen in den Befund und die Therapieplanung ein.
Besonderheit: Sekret oberhalb des Cuffs
Bei geblocker Trachealkanüle sammelt sich im Hypopharynx und Larynxbereich Sekret an, das nicht abgeschluckt werden kann. Dieses Sekret läuft beim Entblocken in die Trachea.
Konsequenz für die Mundpflege: Vor dem therapeutischen Entblocken sollte eine gründliche Mundpflege mit anschließendem oropharyngealem Absaugen durchgeführt werden. Das reduziert die Keimbelastung des Sekrets, das beim Entblocken in die Trachea gelangt.