Therapeutische Mundpflege

Mundpflege bei tracheotomierten Patienten ist nicht dasselbe wie Mundhygiene im pflegeüblichen Sinn. Sie ist eine klinische Intervention mit direktem Einfluss auf Pneumonierate, Schluckfunktion und Lebensqualität – und sie wird in der Praxis systematisch unterschätzt.

Warum die Mundhöhle kritisch ist

Tracheotomierte Patienten schlucken anders als gesunde Menschen – und viele schlucken deutlich weniger. Speichel, der normalerweise kontinuierlich geschluckt wird und dabei die Mundhöhle mechanisch reinigt, stagniert. Mundtrockenheit durch Mundatmung, Sauerstoffgabe oder vermindertes Schlucken verändert das orale Milieu. Bakterien siedeln sich an – und pathogene Keime, die sich in der Mundhöhle etablieren, aspiriert der Patient früher oder später in die Atemwege.

Der direkte Zusammenhang zwischen oraler Bakterienlast und beatmungsassoziierter Pneumonie (VAP) ist gut belegt. Konsequente orale Dekontamination reduziert VAP-Raten nachweislich.

Was therapeutische Mundpflege leistet

Therapeutische Mundpflege verfolgt drei Ziele gleichzeitig:

Reduktion der oralen Bakterienlast. Mechanische Reinigung von Zähnen, Zahnfleisch, Zungenrücken und Mundschleimhaut entfernt Beläge, in denen Keime gedeihen.

Erhaltung der Schleimhaut. Mundtrockenheit ist schmerzhaft und erhöht die Verletzlichkeit der Schleimhaut. Regelmäßige Befeuchtung und Pflege halten die Mukosa in einem Zustand, der Heilung und Funktion unterstützt.

Vorbereitung auf Schlucktherapie. Ein sauberer, befeuchteter Mund ist die Voraussetzung für orale Schluckversuche. Wer die Mundhöhle in einem vernachlässigten Zustand lässt, setzt bei der Schlucktherapie auf schlechte Ausgangsbedingungen.

Durchführung

Frequenz

Mindestens dreimal täglich – bei beatmeten Patienten oder hohem Aspirationsrisiko häufiger. In der Nacht ist Mundpflege oft vernachlässigt; gerade dann aber sammelt sich Sekret.

Materialien

  • Weiche Zahnbürste oder spezieller Mundpflegeschwamm optimal mit Absaugfunktion
  • Antiseptische Mundspüllösung (Chlorhexidin 0,12–0,2 % ist am besten untersucht für VAP-Prävention; Evidenz für externe Anwendung ist stark, Langzeitrisiken bei systemischer Aufnahme im Einzelfall abwägen)
  • Feuchte Kompressen oder Glycerinstäbchen zur Schleimhautbefeuchtung
  • Lippen- und Schleimhautpflegecreme

Vorgehen

  1. Mund öffnen – bei unkooperativen oder bewusstseinsgeminderten Patienten ggf. mit Beißschutz
  2. Sekret und Beläge mit Sauger absaugen (nicht in den Rachen drücken)
  3. Zähne reinigen – alle Flächen, Zahnfleischrand
  4. Zungenrücken und Wangenschleimhaut reinigen
  5. Antiseptische Lösung anwenden
  6. Schleimhaut befeuchten und Lippen eincremen
  7. Ergebnis inspizieren – Ulzera, Candida-Befall, Schleimhautveränderungen dokumentieren

Absaugen während der Mundpflege

Mundpflege und Absaugen gehören zusammen. Bevor Material in den Rachen gelangt, wird abgesaugt. Bei Patienten mit geblocktem Cuff gilt das besonders.

Therapeutische Mundstimulation

Bei Patienten mit reduzierter oraler Sensibilität oder fehlender oraler Aktivität kann Mundpflege gleichzeitig als sensomotorische Stimulation genutzt werden. Gezielte Berührungsreize an Lippen, Wangen, Zungenrändern und Gaumen unterstützen die orofaziale Wahrnehmung – eine Grundlage für spätere Schlucktherapie.

Das ist kein Add-on. Es ist der Punkt, wo Pflege und Therapie ineinandergreifen.

Candida und andere Komplikationen

Bei Langzeit-TK-Patienten, besonders unter Antibiotikatherapie oder Immunsuppression, ist orale Candidiasis häufig. Sie zeigt sich als weißlicher Belag auf Zunge und Schleimhaut, der sich abwischen lässt und darunter eine gerötete Schleimhaut hinterlässt. Konsequente Mundpflege reduziert das Risiko; bei manifestem Befall ist eine antimykotische Therapie erforderlich.


Weiterführend: