Notfälle bei tracheotomierten Patienten sind selten – aber wenn sie eintreten, zählen Sekunden. Wer die drei häufigsten kritischen Situationen kennt, sie erkennt und weiß, was zu tun ist, schützt Patienten. Wer sie nicht kennt, kann in einer Situation, die eigentlich beherrschbar ist, versagen.
Die drei kritischen Situationen
1. Kanülenverlust (Dekanülierung)
Die Kanüle liegt nicht mehr im Stoma. Das kann passieren durch: Zug am Schlauchsystem, unruhiger Patient, nicht gesicherter Kanülenwechsel, Lösen der Halterung.
Erkennen: Kanüle liegt außerhalb des Stomas oder hängt lose. Patient atmet nicht oder nur erschwert durch das Stoma. Geräuschvolle Atmung durch das Stoma.
Sofortmaßnahmen:
Frisches Stoma (< 7 Tage): Das ist ein medizinischer Notfall. Sofort Notarzt rufen. Das Stoma nicht mit Gegenständen sondieren. Oxygenierung über Mund/Nase versuchen.
Etabliertes Stoma (> 7 Tage): Stoma offenhalten (spreizen, Finger einführen), neue Kanüle einführen – notfalls eine Nummer kleiner. Wenn keine Kanüle greifbar: Notarzt, Oxygenierung sichern. Nie Panik – das Stoma kollabiert langsamer als die meisten denken.
Prävention: Kanüle immer sicher fixiert, Schlauchsysteme mit ausreichend Spielraum, bei Agitation Halterung engmaschig kontrollieren.
2. Kanülenverlegung
Die Kanüle ist im Stoma, aber der Atemweg ist verlegt – durch Sekret, Blut oder Lageänderung der Kanülenspitze.
Erkennen: Zunehmendes Atemgeräusch, Atemwegswiderstand steigt, SpO₂ fällt, Patient zeigt Atemnot. Beatmungsgerät alarmiert (Druckanstieg, Tidalvolumen fällt).
Sofortmaßnahmen:
- Innenkanüle sofort entfernen und prüfen. Ist sie verlegt? Reinigen oder neue einsetzen. Wenn das reicht: Problem gelöst.
- Absaugen über die Außenkanüle. Ist der Katheter passierbar?
- Wenn kein Luftfluss trotz freier Innenkanüle und Absaugen: Kanüle entfernen, Stoma offenhalten, neue Kanüle einführen.
- Beatmungsbeutel über Stoma (nicht über Mund/Nase bei geblocktem oder frischem Stoma).
Prävention: Ausreichende Befeuchtung, regelmäßige Innenkanülenreinigung, Sekretmanagement.
3. Kanülenfehllage
Die Kanüle liegt nicht in der Trachea, sondern im Weichteilgewebe oder paratrachealen Raum – häufig nach Kanülenwechsel beim frischen Stoma oder nach Manipulation.
Erkennen:
- Kein Luftstrom durch die Kanüle
- SpO₂-Abfall, der nicht auf Absaugen reagiert
- Hautemphysem – subcutane Luftansammlung am Hals (knisterndes Gefühl beim Palpieren)
- Beatmungsgerät: Druckanstieg, kein Tidalvolumen
- Brust hebt sich asymmetrisch oder gar nicht
Sofortmaßnahmen:
Kanüle sofort entfernen. Nicht versuchen, die fehlpositionierte Kanüle tiefer einzuführen – das verschlimmert die Situation. Stoma offenhalten, Notarzt, Oxygenierung über Mund/Nase sicherstellen. Neuen Zugang von geschultem Personal legen lassen.
Prävention: Erster Kanülenwechsel nach Tracheotomie nur durch erfahrenes Personal, korrekte Einführtechnik (entlang der Kanülenkrümmung, nie mit Gewalt), Kanülenlage nach Wechsel immer verifizieren.
Allgemeine Grundprinzipien im Notfall
Der Atemweg hat Vorrang vor allem anderen. Keine Dokumentation, kein Telefonat, kein Warten auf weitere Personen, bevor der Atemweg gesichert ist.
Ruhe schützt vor Fehlern. Die häufigste Fehlerursache im Notfall ist Panik. Wer die drei Szenarien kennt, hat im Notfall einen Handlungsplan – und Pläne verhindern Panik.
Notfallmaterial immer griffbereit. Am Bett jedes tracheotomierten Patienten:
- Reserve-Trachealkanüle gleicher Größe
- Kanüle eine Nummer kleiner
- Führungsmandrin
- Absaugbereit
- Beatmungsbeutel mit Masken-Anschluss (auch für Stoma)
Reanimation bei tracheotomierten Patienten
Bei Reanimation eines tracheotomierten Patienten: Beatmung über das Stoma, nicht über Mund/Nase. Wenn Kanüle liegt und Cuff geblockt ist: Beatmungsbeutel direkt auf Kanüle. Wenn keine Kanüle liegt: Stoma abdichten und direkt beatmen, Mund und Nase dabei verschließen.
Weiterführend: