Schlucktherapie

Die Schlucktherapie bei tracheotomierten Patienten ist kein Spezialgebiet am Rande der Logopädie — sie ist eines der zentralen klinischen Aufgabenfelder. Die Trachealkanüle und die Schluckstörung bedingen sich oft gegenseitig, verstärken sich wechselseitig und müssen gemeinsam behandelt werden.


Trachealkanüle und Dysphagie: ein Kreislauf

Viele Patienten werden tracheotomiert, weil sie aspirieren — weil ihre Schluckfunktion so stark eingeschränkt ist, dass eine sichere Spontanatmung nicht mehr gewährleistet ist. Die Trachealkanüle schützt zunächst den Atemweg.

Gleichzeitig verschlechtert die Trachealkanüle die Schluckfunktion weiter:

  • Mechanische Einschränkung der Larynxhebung
  • Reduzierter subglottischer Druck → schlechterer Glottisschluss
  • Verminderte laryngeale Sensibilität bei geblocker Kanüle
  • Reduzierte Schluckfrequenz

Es entsteht ein Kreislauf: Dysphagie führt zur Tracheotomie, die Tracheotomie verstärkt die Dysphagie. Die Aufgabe der Logopädin ist, diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Die detaillierte Grundlage dazu: Auswirkungen einer Trachealkanüle


Wann beginnen?

So früh wie möglich. Auch bei Patienten, die noch weit von oraler Ernährung entfernt sind, kann und sollte mit prophylaktischer Schlucktherapie begonnen werden:

  • Orofaziale Stimulation
  • Passive Mobilisation des Larynx
  • Mundpflege mit Schluckreizstimulation
  • Schlucken von Speichel sobald entblockt

Je früher begonnen wird, desto weniger ausgeprägt ist der Sensibilitätsverlust im Larynx, desto kürzer ist der Weg zur oralen Ernährung.


Voraussetzung: Entblockte Trachealkanüle

Schlucktherapie unter geblocker Trachealkanüle ist möglich — aber erheblich eingeschränkt. Die wichtigsten Einschränkungen:

  • Kein subglottischer Druck → Glottisschluss vermindert
  • Laryngeale Sensibilität reduziert → stille Aspirationen werden nicht gespürt
  • Husteneffektivität reduziert → Aspiration kann nicht effektiv reflektorisch beantwortet werden

Für alles, was über orofaziale Stimulation hinausgeht, ist das therapeutische Entblocken die Voraussetzung. Schluckversuche mit Nahrung oder Flüssigkeit sollten grundsätzlich bei entblockter Kanüle stattfinden.


Diagnostik als Grundlage

Bevor mit aktiver Schlucktherapie begonnen wird, braucht es eine fundierte Einschätzung der Schluckfunktion. Klinische Schluckuntersuchung und FEES ergänzen sich dabei:

  • KSU: Beurteilung der oralen Phase, Vigilanz, Motorik, Oralstatus
  • FEES: Direkte Beurteilung von Sekret, Penetration, Aspiration, Pharynxmotilität, laryngealer Sensibilität bei entblockter Kanüle

Ohne Befund: keine Therapieplanung. Details zur Diagnostik: Befundung und Diagnostik


Therapieziele

Therapieziele variieren je nach Patient und Grunderkrankung stark. Typische Ziele:

  • Erhalt der laryngealen Sensibilität (prophylaktisch)
  • Reduktion von Aspiration und stiller Aspiration
  • Steigerung der Schluckfrequenz
  • Verbesserung des Glottisschlusses
  • Aufbau oraler Ernährung (Kostanpassung)
  • Unterstützung der Dekanülierung durch Verbesserung der Schluckfunktion

Methoden und Maßnahmen

Prophylaktische und basale Maßnahmen

Orofaziale Stimulation:
Taktile und thermale Stimulation von Lippen, Wangen, Zunge, Gaumen. Auch bei bewusstseinsgeminderten Patienten möglich. Erhält die orale Sensibilität.

Mundpflege mit Schluckreizstimulation:
Gezielte Reizung des weichen Gaumens und der Rachenhinterwand während der Mundpflege — löst Schluckreflexe aus. In Kombination mit Schluckimpulsgabe sinnvoll.

Passive Larynxmobilisation:
Manuelle Mobilisation des Larynx bei eingeschränkter Larynxhebung. Kann durch die Therapeutin durchgeführt oder dem Patienten zur Selbstdurchführung gelehrt werden.

Aktive Schluckübungen (bei kooperativen Patienten)

Supraglottisches Schlucken:
Patient hält vor dem Schlucken die Luft an (Glottisschluss), schluckt, hustet dann direkt. Verhindert laryngeale Aspiration durch bewussten Glottisschluss.

Super-supraglottisches Schlucken:
Intensivierung des supraglottischen Schluckens durch Pressen beim Atemanhalten — verstärkt den Glottis- und Vestibulumschluss.

Mendelsohn-Manöver:
Patient hält den Larynx auf dem Höhepunkt der Schluckbewegung bewusst hochgezogen. Verlängert die Öffnung des oberen Ösophagussphinkters.

Masako-Manöver:
Zunge wird beim Schlucken leicht zwischen den Zähnen gehalten — erhöht den Pharynxdruck durch veränderte Zungenbasisretraction.

Shaker-Übung (Head Lifting Exercise):
Training der subhyoidalen Muskulatur — verbessert die Larynxhebung und Öffnung des oberen Ösophagussphinkters.

Kostanpassung

Wenn Schluckversuche begonnen werden, ist die Konsistenz der entscheidende Parameter:

  • Angepasste Konsistenzen nach IDDSI-Standard (International Dysphagia Diet Standardisation Initiative)
  • Beginn: breiige oder gelartige Konsistenzen (IDDSI Level 4–5), selten Dünnflüssiges
  • Steigerung nach Befund und FEES-Kontrolle
  • Enge Abstimmung mit Ernährungsberatung und Pflege

Sprechventil als therapeutisches Instrument

Das Sprechventil ist nicht nur für die Kommunikation relevant — es verbessert auch die Schluckbedingungen:

  • Subglottischer Druck steigt → besserer Glottisschluss
  • Sensibilität durch Luftfluss durch Larynx verbessert sich
  • Schluckfrequenz nimmt zu
  • Physiologischeres Atemschluck-Muster wird ermöglicht

Schluckversuche mit aufgestecktem Sprechventil zeigen in der Literatur konsistent bessere Ergebnisse als Schluckversuche mit entblockter, aber offener Kanüle.


Weiterführend