Schlucktherapie bei tracheotomierten Patienten

Schlucktherapie bei tracheotomierten Patienten beginnt nicht mit dem ersten Schluckversuch. Sie beginnt mit dem Entblocken des Cuffs.

Solange der Cuff geblockt ist, ist das Schlucksystem in einem artifiziellen Zustand: kein subglottischer Luftstrom, kein laryngeales Feedback, keine Möglichkeit für laryngealen Druckaufbau. Unter diesen Bedingungen lässt sich der Schluckvorgang weder vollständig beurteilen noch therapeutisch beeinflussen. Das Entblocken ist deshalb nicht eine Option neben anderen – es ist die Voraussetzung.

Was die Trachealkanüle mit dem Schlucken macht

Die Kanüle verändert die Schluckmechanik auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Die Larynxelevation beim Schlucken ist eingeschränkt. Die Kanüle liegt mit ihrem Flansch auf dem Hals und fixiert durch ihr Gewicht und die Haltebänder den Larynx in seiner vertikalen Beweglichkeit. Diese Elevation ist aber keine Nebensächlichkeit – sie ist die Voraussetzung für das Epiglottis-Kippen und die Öffnung des oberen Ösophagussphinkters. Wer weniger eleviert, schluckt schlechter.

Dazu kommt die veränderte Drucksituation. Physiologisches Schlucken ist eng mit Atemfluss verbunden – Expiration vor und nach dem Schlucken, ein kurzer apnoischer Moment beim Schlucken selbst, dann wieder Exspiration. Bei geblocktem Cuff ist dieser Rhythmus unterbrochen. Beim entblockten Patienten mit Sprechventil kann er sich wieder einstellen.

Und schließlich: Sensibilitätsstörungen nach Langzeitintubation. Die laryngeale Mukosa hat nach Wochen mit Tubus oder Kanüle eine veränderte Ansprechbarkeit. Stille Aspiration ohne jede klinische Reaktion ist nicht die Ausnahme – sie ist bei einem erheblichen Anteil tracheotomierter Patienten nachweisbar.

Befundgrundlage: ohne FEES keine Therapie

Dysphagietherapie bei tracheotomierten Patienten ohne vorangehende FEES ist ein Blindflug. Die klinische Schluckuntersuchung ist unerlässlich, aber sie hat eine klare Grenze: Was unterhalb der Stimmlippen passiert, ist klinisch nicht sichtbar. Stille Aspiration wird nur in der FEES sichtbar.

Die FEES gibt der Therapie ihre Grundlage:

  • Aspiriert der Patient? Wann – vor, während oder nach dem Schlucken?
  • Wie viel aspiriert er, und reagiert er darauf?
  • Wie ist die Sekretsituation im Hypopharynx und Larynx?
  • Wie ist die Stimmlippen- und Epiglottisfunktion?
  • Was verändert sich beim Entblocken, was beim Sprechventil?

Ohne diese Informationen gibt es keine rationale Grundlage für therapeutische Entscheidungen – nicht für Kostaufbau, nicht für Konsistenzwahl, nicht für das Tempo des Vorgehens.

Therapeutisches Vorgehen

Entblocken und Sprechventil als therapeutische Werkzeuge

Das Entblocken ist der erste therapeutische Schritt – nicht die Vorbereitung dafür. Mit entblocktem Cuff kann der Patient Luft durch den Larynx bewegen. Das allein verändert das sensorische Feedback, die Druckverhältnisse beim Schlucken und die Möglichkeit zum Abhusten aspirierten Materials.

Das Sprechventil geht einen Schritt weiter. Es stellt den physiologischen Exspirationsstrom durch den Larynx wieder her – und damit die engste Annäherung an normale Atemrhythmus-Schluck-Koordination, die mit Trachealkanüle möglich ist. Studien zeigen reduzierte Aspirationsraten bei Trachealkanülenträgern mit Sprechventil gegenüber entblocktem Zustand ohne Ventil. Der Einsatz des Sprechventils ist deshalb nicht nur kommunikationstherapeutisch motiviert, sondern explizit schlucktherapeutisch.

Speichelmanagement zuerst

Bevor an Nahrung gearbeitet wird, steht das Speichelmanagement. Kann der Patient mit Speichel sicher umgehen? Das ist die niedrigschwelligste Prüfung des Schlucksystems und gleichzeitig klinisch direkt relevant – tracheotomierte Patienten schlucken Hunderte von Millilitern Speichel täglich, ob man es beobachtet oder nicht.

Speichelmanagement bedeutet: bewusstes, willentliches Schlucken des eigenen Speichels, idealerweise mit entblocktem Cuff oder Sprechventil, unter Beobachtung. Die FEES gibt die Information, ob das sicher ist.

Konsistenzaufbau

Der Aufbau über Konsistenzen folgt dem Befund – nicht einem festen Schema. Eine pauschale Konsistenzleiter „flüssig → breiig → fest“ ist nicht evidenzbasiert. Patienten mit pharyngealer Schwäche und Residuen aspirieren oft gerade bei dickflüssigen Konsistenzen, während Flüssiges mit dem Restfluss abgeräumt wird. Umgekehrt gibt es Patienten, bei denen Flüssiges das primäre Aspirat ist.

Die FEES zeigt, welche Konsistenz welches Verhalten auslöst. Die Therapie arbeitet mit dieser Information.

Spezifische Techniken

Techniken werden nach Befundlage gewählt:

Bei reduzierter Larynxelevation: Übungen zur Stärkung der suprahyoidalen Muskulatur – Mundbodenübungen, Kopfhebungen nach Shaker-Prinzip, Masako-Manöver.

Bei pharyngealen Residuen: Mehrfachschlucken, Nachschlucken mit Kopfrotation zur betroffenen Seite, Reinigungsschlucken mit Flüssigkeit nach festem Bissen.

Bei reduziertem laryngealem Verschluss: Supraglottisches Schlucken (Atem anhalten, schlucken, abhusten) – nur wenn Patient ausreichend kognitive Kapazität und ausreichende Hustenkraft hat.

Bei verzögertem Beginn der pharyngealen Phase: Thermale Stimulation, veränderte Boluskonsistenz und -temperatur.

Bei eingeschränkter OÖS-Öffnung: Dehntechniken, Mendelsohn-Manöver.

Keine dieser Techniken wird pauschal angewendet. Jede hat spezifische Voraussetzungen und kann bei falschem Einsatz schaden.

Orale Ernährung und Aspiration

Die Entscheidung für oder gegen orale Ernährung bei nachgewiesener Aspiration ist keine binäre. Entscheidend ist:

  • Wie viel aspiriert der Patient?
  • Wie reagiert er – hustet er ab, oder aspiriert er still?
  • Wie ist seine pulmonale Gesamtsituation?
  • Was ist sein Wille?

Eine gewisse Aspiration ist bei tracheotomierten Patienten häufig – und nicht automatisch ein Ausschlussgrund für orale Ernährung. Es gibt Patienten, die aspirieren und dennoch sicher oral essen, weil ihr pulmonales Kompensationsvermögen ausreicht. Es gibt Patienten, bei denen jede Aspiration ein Risiko darstellt, das nicht vertretbar ist. Diese Abwägung ist eine klinische und ethische Entscheidung, keine Algorithmusfrage.

Interdisziplinäre Koordination

Schlucktherapie bei tracheotomierten Patienten ist keine isolierte logopädische Tätigkeit. Entscheidungen über Kostaufbau, orale Ernährung und Kanülenmanagement berühren Pflege, Ärzte, Ernährungstherapie und manchmal Physiotherapie. Das Ergebnis der FEES und die therapeutischen Empfehlungen müssen kommuniziert, dokumentiert und gemeinsam getragen werden.

Besonders relevant: Die Pflegekräfte sind am häufigsten beim Patienten. Was in der Therapieeinheit erarbeitet wird, muss in der allgemeinen Versorgung bekannt und umsetzbar sein.


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