Auswahl der richtigen Trachealkanüle

Die perfekte Trachealkanüle gibt es nicht. Es gibt die Kanüle, die für einen bestimmten Patienten in einer bestimmten Situation die notwendigen Funktionen erfüllt — und möglichst wenig darüber hinaus.

Das ist der Grundsatz: Nur die Funktionen wählen, die wirklich gebraucht werden. Eine komplexere Kanüle ist nicht besser — sie ist aufwändiger, teurer und bringt mehr potenzielle Fehlerquellen.


Wer entscheidet?

Die Auswahl der Trachealkanüle ist eine interdisziplinäre Entscheidung. Ärzte, Pflegekräfte und Logopädinnen bringen jeweils andere Perspektiven ein:

  • Arzt: Beatmungsanforderungen, medizinische Indikation, Anatomie
  • Pflege: Pflege- und Wechselpraxis, Reinigungsaufwand, Verfügbarkeit
  • Logopädin: Therapeutische Ziele (Entblocken, Sprechen, Schlucken), Dekanülierungsplanung

Entscheidend sollte nicht sein, welche Kanüle gerade im Lager vorrätig ist oder welche der Stationsarzt bevorzugt — sondern welche Funktion die Kanüle für diesen Patienten erfüllen muss.


Schritt 1: Beatmung — ja oder nein?

Dies ist die grundlegendste Weiche.

Patient wird beatmet:

  • Gecuffte Kanüle zwingend
  • Cuff-Druck muss überwacht werden
  • Bei hohem Aspirationsrisiko oder VAP-Prophylaxe: Kanüle mit Suction Aid erwägen

Patient atmet spontan:

  • Cuff möglicherweise nicht mehr notwendig
  • Ungecuffte Kanüle in der Dekanülierungsphase möglich
  • Weniger Beatmungsanforderungen → mehr Freiheiten bei der Kanülenwahl

Schritt 2: Wie lange wird die Kanüle voraussichtlich liegen?

Kurzfristig (Tage bis wenige Wochen):

  • Standard-PVC-Kanüle
  • Einmal-Innenkanüle oder Kanüle ohne Innenkanüle
  • Regelmäßiger Gesamtwechsel (je nach Hersteller alle 7–30 Tage)

Mittelfristig (Wochen bis Monate):

  • Kanüle mit Innenkanülensystem (reduziert Wechselfrequenz der Außenkanüle)
  • Qualität und Verträglichkeit wichtiger als Preis

Langfristig / dauerhaft:

  • Silikon (Bivona) oder Silber für maximale Verträglichkeit
  • Innenkanülensystem obligat
  • Ggf. Fensterung oder angepasste Schaftlänge

Schritt 3: Anatomische Besonderheiten

Standardanatomie: Standardkanüle in der richtigen Größe.

Adipositas / kurzer Hals: Verlängerter proximaler Schaft notwendig — die Kanüle muss durch mehr Weichteilgewebe reichen, bevor sie in die Trachea eintritt.

Tiefe oder stark abgewinkelte Trachea: Verlängerter distaler Schaft oder Kanüle mit flexiblem Schaft (z.B. Tracoe vario).

Kind / Jugendlicher: Pädiatrische Größen, Silikonkanülen bevorzugt (Bivona), kein Cuff oder sehr schonender Cuff.

Dimensionierung

ParameterOrientierung
InnendurchmesserFrauen: ID 7,0–8,0 mm; Männer: ID 8,0–9,0 mm (individuelle Anpassung)
LängeAbmessung am Patienten (Stoma bis Carina per Bronchoskopie oder Bildgebung)
WinkelStandard in den meisten Fällen; bei Abweichung: flexible oder angepasste Variante

Schritt 4: Therapeutische Ziele

Was soll die Kanüle therapeutisch ermöglichen? Das ist die Perspektive der Logopädin.

Phonation gewünscht, Patient noch beatmungsabhängig:

  • Gecuffte Kanüle + Sprechventil für beatmete Patienten (z.B. PMV 2020)
  • Oder: Kanüle mit Sprechloch (Fensterung) bei geeignetem Patienten

Phonation gewünscht, Patient nicht beatmet:

  • Entblockte Kanüle + Sprechventil (z.B. PMV 007)
  • Oder: Ungecuffte gefensterte Kanüle ohne Sprechventil (Phonation durch Fensterung bei Okklusion)

Dekanülierungsphase:

  • Schrittweise Reduktion: gecufft → entblockt → ungecufft → kleiner Durchmesser → Platzhalter → Dekanülierung
  • Ungecuffte Kanüle mit kleinerem Innendurchmesser als Zwischenschritt möglich

Schlucken im Fokus:

  • Entblockbare Kanüle
  • Kein unnötig großer Cuff (Druck auf Ösophagus)

Schritt 5: Praktische Verfügbarkeit und Kompatibilität

  • Welche Kanülen sind auf der Station / im Lager vorhanden?
  • Welche Innenkanülen und Obturatoren sind kompatibel?
  • Kann das Pflegeteam mit dem System umgehen?

Verfügbarkeit ist ein legitimer Faktor — aber er sollte nie die Funktion dominieren. Wenn die klinisch richtige Kanüle nicht im Lager ist: bestellen.


Zusammenfassung: Entscheidungsbaum

Beatmung notwendig?
├── Ja → gecuffte Kanüle
│   ├── Hohes Aspirationsrisiko? → Suction Aid
│   └── Phonation gewünscht? → Sprechventil für beatmete Pat.
└── Nein → ungecuffter Kanüle möglich
    ├── Dekanülierungsphase → schrittweise Reduktion
    └── Dauerstoma → Silber oder Silikon, Innenkanüle

Liegedauer?
├── Kurz → Standard-PVC, ggf. ohne Innenkanüle
└── Lang → Innenkanülensystem, Silikon oder Silber

Anatomie?
├── Standard → Standardlänge und -winkel
├── Adipositas → proximale Verlängerung
└── Tiefe Trachea → distale Verlängerung, flexibler Schaft

Therapeutische Ziele?
├── Phonation → Sprechventil + Entblocken planen
├── Schlucken → Entblockbarkeit sicherstellen
└── Dekanülierung → Reduktionsstrategie festlegen

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