Der Cuff ist das Merkmal, das aus einer Trachealkanüle eine beatmungsfähige Trachealkanüle macht. Er ist auch das Merkmal, das – sobald es nicht mehr gebraucht wird – so schnell wie möglich funktionslos gemacht werden sollte. Entblocken ist kein Schritt im Therapieprotokoll. Es ist die Rückkehr zur Physiologie.
Was der Cuff tut
Der Cuff ist eine aufblasbare Manschette am distalen Ende des Kanülenschafts. Aufgeblasen legt er sich zirkulär an die Tracheainnenwand an und dichtet den Raum zwischen Kanülenschaft und Trachea ab.
Diese Abdichtung leistet drei Dinge:
Beatmungsabdichtung. Bei maschineller Beatmung muss der Druck, den das Beatmungsgerät aufbaut, in der Lunge ankommen – nicht durch den peritrachealen Spalt entweichen. Der geblockte Cuff schließt diesen Spalt und macht Überdruckbeatmung erst möglich.
Positionsstabilisierung. Der aufgeblasene Cuff hält die Kanüle in ihrer Position in der Trachea. Das ist besonders bei weichen, flexiblen Kanülen relevant: Ohne den Halt des Cuffs können sie kippen, wandern oder eine instabile Lage einnehmen. Das ist eines der praktischen Probleme beim Entblocken – die Kanüle verliert mit dem Cuffdruck ihre Lagesstabilität. Bei sehr weichen Kanülen und ungünstiger Anatomie kann das klinisch bedeutsam sein und erfordert Beobachtung nach dem Entblocken.
Sekretdepot-Retention. Sekret, das sich zwischen Cuff und Glottis gesammelt hat – also Material, das bereits aspiriert wurde –, kann bei geblockt liegendem Cuff nicht weiter in die tiefe Trachea vordringen. Das ist ausdrücklich kein Aspirationsschutz: Aspiration bedeutet das Eindringen von Material unterhalb der Glottis, und der Cuff sitzt mehrere Zentimeter tiefer. Er kann Aspiration weder verhindern noch rückgängig machen. Er hält lediglich das bereits subglottisch befindliche Sekretdepot lokal zurück – bis es beim Entblocken oder Cuffdruckabfall unkontrolliert nach unten fließt.
Was der Cuff kostet
Jede Funktion hat einen Preis. Der Cuff hat mehrere:
Platzverlust. Die Cuff-Manschette erhöht den effektiven OD der Kanüle im aufgeblasenen Zustand. Das ist bei korrekter Druckeinstellung minimal – aber es ist nicht null.
Druckrisiko. Der Cuff drückt gegen die Tracheamukosa. Bei zu hohem Druck schädigt er die Schleimhautdurchblutung: Druckulzera, Tracheitis, bei Langzeiteinwirkung Tracheomalazie. Der therapeutische Druckbereich liegt bei 20–30 cmH₂O. Über 30 cmH₂O ist jede Minute zu viel.
Physiologische Unterbrechung. Ein geblockter Cuff unterbricht den subglottischen Luftstrom vollständig. Keine Phonation, kein physiologisches Schlucken, kein exspiratorischer Druckaufbau beim Husten, kein Geruchs- und Geschmackssinn. Alles, was Therapeuten in der Rehabilitation anstreben, beginnt mit dem Entblocken.
Cuffdruckmanagement
Automatische Regulatoren als Standard
Manuelles Messen des Cuffdrucks mit einem Handmanometer ist überholt. Das Problem ist mechanisch: Beim Anschließen des Manometers an das Cuffventil entweicht Luft aus dem Cuff – die Messung verändert das System, das sie messen soll. Der gemessene Wert ist bereits beim Ablesen nicht mehr aktuell.
Automatische Cuffdruck-Regulatoren werden dauerhaft an das Cuffventil angeschlossen und halten den Druck kontinuierlich im eingestellten Zielbereich. Sie gleichen Schwankungen durch Lagerung, Husten und Schlucken automatisch aus. Sie sind dem manuellen Manometer in jeder Hinsicht überlegen.
Zielbereich: 20–30 cmH₂O.
Schaumstoffcuff
Eine Sonderform: der selbstfüllende Schaumstoffcuff. Er wird vor dem Einlegen komprimiert und füllt sich nach dem Einsetzen automatisch mit Umgebungsluft. Der resultierende Druck entspricht dem Atmosphärendruck – deutlich geringer als bei aktiv geblockten Cuffs.
Der Schaumstoffcuff ist für bestimmte Langzeitpatienten eine Alternative: geringeres Druckrisiko auf die Mukosa, kein aktives Blocken erforderlich. Nachteil: Cuffdruck ist nicht präzise einstellbar; bei Beatmung mit erhöhtem Inspirationsdruck ist die Abdichtung möglicherweise unzureichend.
Gecufft oder ungecufft – die Grundentscheidung
Gecuffte Kanüle ist indiziert solange:
- Maschinelle Beatmung erforderlich ist
- Aspiration so massiv ist, dass subglottische Barriere klinisch notwendig erscheint (mit dem Wissen, dass diese Barriere unvollständig ist)
Ungecuffte Kanüle ist möglich sobald:
- Kein dauerhafter Beatmungsbedarf mehr besteht
- Der Patient subglottisches Sekret ausreichend managen kann
- Aspiration tolerierbar ist oder nicht mehr besteht
Der Wechsel von gecufft auf ungecufft ist kein Schritt, der am Ende des Dekanülierungsprozesses steht. Er ist ein früher Schritt – einer der ersten.
Entblocken: das eigentliche Ziel
Ein geblockter Cuff ist nie das Ziel. Er ist eine temporäre Notwendigkeit. Sobald die Beatmungsindikation entfällt oder reduziert werden kann, ist Entblocken der richtige nächste Schritt.
Entblocken gibt den subglottischen Luftstrom zurück. Es ist die Voraussetzung für alles, was in der Rehabilitation folgt. Das vollständige Protokoll, die Bereitschaftskriterien und die Evidenz dazu sind auf der Seite Therapeutisches Entblocken beschrieben.
Weiterführend: