Eigenschaften und Unterscheidungskriterien von Trachealkanülen

Trachealkanülen unterscheiden sich in einer Reihe von Merkmalen. Diese Merkmale sind keine Marketingkategorien — jede Eigenschaft hat eine klinische Funktion. Die Auswahl der richtigen Kanüle hängt davon ab, welche dieser Funktionen für einen bestimmten Patienten in einer bestimmten Situation notwendig sind.

Diese Seite gibt einen systematischen Überblick. Für jedes Merkmal existiert eine eigene Detailseite mit praktischen Hinweisen.


Cuff — mit oder ohne Blockung

Gecuffte Trachealkanülen

Ein Cuff ist eine aufblasbare Manschette am Schaft der Kanüle. Er wird mit Luft gefüllt und liegt dann der Tracheainnenwand an.

Funktion:

  • Hält die Kanüle in Position
  • Bildet eine Abdichtung zur Umgebungsluft — wichtig bei Beatmung (verhindert Leckageverluste) und beim Absaugen von Sekret oberhalb des Cuffs

Wichtig: Ein Cuff ist kein zuverlässiger Aspirationsschutz. Dünnflüssige Sekrete passieren ihn.

Gecuffte Kanülen sind Standard bei beatmeten Patienten und in der Akutphase.

Ungecuffte Trachealkanülen

Ohne Cuff liegt die Kanüle locker in der Trachea. Luft kann an ihr vorbeiströmen — sowohl nach oben (durch Larynx) als auch nach unten (in die Lunge).

Vorteil: Phonation ist ohne Sprechventil oder Okklusion möglich, weil Ausatemluft durch den Larynx strömt.

Indikation: Patienten, die nicht beatmet werden und bei denen das Aspirationsrisiko überschaubar ist — typischerweise in der Spätphase des Dekanülierungsprozesses oder bei Dauerstomaversorgung ohne Beatmung.

Cuff-Typen im Überblick

TypMerkmalBeispiel
Einfache NiederdruckmanschetteStandardcuff, manuell befülltDie meisten Standard-TK
SelbstregulierendHält Druck automatisch konstantLANZ-Ventil (Mallinckrodt)
SelbstblockendFüllt sich durch KörperwärmeBivona TTS
SchaumstoffcuffFüllt sich selbst mit UmgebungsluftSelten, Spezialeinsatz

Material

Kunststoff (PVC / thermoplastisch)

Das mit Abstand häufigste Material. PVC-Kanülen sind thermoplastisch: Bei Körpertemperatur werden sie weicher und passen sich der individuellen Trachealform an. Das reduziert Druckstellen.

Einsatz: Kurzzeit- bis mittelfristige Versorgung, nahezu alle Akut-Kanülen.

Silikon

Silikon ist flexibler und weicher als PVC. Es ist chemisch inert und löst seltener Allergien aus. Silikon-Kanülen verformen sich stärker — was Vor- und Nachteil zugleich sein kann.

Einsatz: Langzeitversorgung, pädiatrischer Bereich, Allergiepatienten. Bivona ist der bekannteste Hersteller für Silikon-Trachealkanülen.

Silber

Silberkanülen sind historisch die älteste Form und werden heute noch bei Dauerstoma-Patienten eingesetzt, die keine Beatmung benötigen. Sie sind robust, langlebig und unempfindlich gegenüber Sekret. Sie haben keine Möglichkeit zur Beatmung und keinen Cuff.

Einsatz: Ambulante Langzeitversorgung, stabile Patienten mit Dauerstoma ohne Beatmungsbedarf.


Innenkanüle — mit oder ohne

Eine Innenkanüle ist eine herausnehmbare innere Röhre, die das eigentliche Atemlumen bildet. Sekret und Borken setzen sich auf der Innenkanüle ab, die zur Reinigung herausgezogen werden kann — ohne die Außenkanüle zu wechseln.

Typen:

  • Einmal-Innenkanülen (täglich oder mehrfach täglich wechseln)
  • Wiederverwendbare Innenkanülen (herausnehmen, reinigen, wiedereinsetzen)
  • Gefensterte Innenkanülen (öffnen die Fensterung; ungefensterte Innenkanüle schließt sie ab)

Indikation: Standard in der Langzeitversorgung. Auf Intensivstationen teilweise ohne Innenkanüle, weil die Kanüle ohnehin regelmäßig gewechselt wird.


Fensterung — mit oder ohne

Eine Fensterung ist ein Loch oder Gitter in der dorsalen (hinteren) Wand des Kanülenschafts. Sie ermöglicht Luftfluss durch die Öffnung in Richtung Larynx — auch wenn die Kanüle nach vorne (außen) verschlossen ist.

Funktion: Erleichtert Phonation und Ausatmung bei okkludierter Kanüle ohne vollständiges Entblocken.

Risiko: Wenn die Fensterung nicht genau gegenüber dem Tracheallumen liegt (Fehllage), kann sie die Tracheahinterwand reizen und Granulome verursachen. Korrekte Positionierung muss überprüft werden.

Indikation: Patienten, die phonieren wollen, aber noch nicht vollständig entblockt werden können.


Subglottische Absaugung (Suction Aid)

Manche Trachealkanülen haben einen zusätzlichen Kanal, der oberhalb des Cuffs mündet — den sogenannten Suction Aid. Über diesen Kanal kann das Sekret, das sich oberhalb des Cuffs ansammelt, abgesaugt werden.

Indikation: Beatmete Patienten, VAP-Prophylaxe (ventilatorassoziierte Pneumonie). Evidenz für Effektivität ist gut belegt.

Nicht zu verwechseln mit dem Absaugkatheter durch die Kanüle — das sind zwei verschiedene Dinge.


Dimensionierung: Länge, Winkel und Innendurchmesser

Länge

Trachealkanülen gibt es in Standardlänge, verlängertem Schaft (distal oder proximal) und extra-langen Versionen. Für Patienten mit ausgeprägtem Halsweichteilgewebe (Adipositas, starke Schwellung, kurzer Hals) sind verlängerte Varianten notwendig.

Eine zu kurze Kanüle liegt nicht sicher in der Trachea. Eine zu lange liegt zu tief und riskiert einseitige Intubation oder Carina-Kontakt.

Winkel

Der Standardwinkel ist auf die durchschnittliche Halsanatomie ausgelegt. Bei abweichender Anatomie (stark nach posterior geneigter Trachea, kurzer Hals) können Kanülen mit angepasstem Winkel oder flexiblem Schaft notwendig sein.

Innendurchmesser (ID) und Außendurchmesser (OD)

Der Innendurchmesser bestimmt den Atemwiderstand. Ein zu kleiner Innendurchmesser erhöht den Atemwiderstand erheblich — relevant besonders bei spontanatmenden Patienten und beim Weaning.

Kanülengrößen werden in mm (Innendurchmesser) angegeben. Gängige Größen für Erwachsene: ID 7,0–9,0 mm. Frauen haben im Schnitt engere Tracheen als Männer.


Überblick: Entscheidungsmatrix

MerkmalWann relevant
CuffBeatmung, Aspirationsschutz (Akutphase)
Kein CuffDekanülierungsphase, Dauerstoma ohne Beatmung
InnenkanüleLangzeitversorgung, häufige Sekretion
FensterungPhonationswunsch, Dekanülierungsphase
Suction AidBeatmung, hohes Aspirationsrisiko, VAP-Prophylaxe
SilikonLangzeit, Allergie, pädiatrisch
Verlängerter SchaftAdipositas, Kurzhalssyndrom, starke Schwellung

Für den vollständigen Entscheidungsweg: Auswahl der richtigen Trachealkanüle


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