Maße und Geometrie von Trachealkanülen

Vor jeder Entscheidung für eine Trachealkanüle steht eine geometrische Realität: Die Trachea hat einen bestimmten Durchmesser. Die Kanüle muss hineinpassen – aber sie darf ihn nicht ausschöpfen. Was zwischen Kanülenschaft und Tracheawand übrig bleibt, ist klinisch entscheidend.

Tracheadurchmesser: die Leitgröße

Der mittlere Tracheadurchmesser beim Erwachsenen liegt bei etwa 15–22 mm. Die interindividuelle Varianz ist erheblich – Geschlecht, Körperbau, Vorerkrankungen und anatomische Varianten beeinflussen ihn. Eine pauschale Kanülengröße nach Körpergewicht oder Geschlecht ist deshalb keine rationale Grundlage.

Die rationale Grundlage ist der individuelle Tracheadurchmesser – ermittelt durch Bildgebung (CT, MRT) oder Bronchoskopie. Wer diesen Wert kennt, wählt die Kanüle danach. Wer ihn nicht kennt, schätzt – und Schätzungen führen zu Kanülen, die zu groß oder zu klein sind.

Außendurchmesser (OD) und Innendurchmesser (ID)

Jede Trachealkanüle hat zwei relevante Durchmesser:

Außendurchmesser (OD, outer diameter): Der Durchmesser des Kanülenschafts von außen. Er bestimmt, wie viel Raum zwischen Kanüle und Tracheawand bleibt – der sogenannte peritracheale Spalt.

Innendurchmesser (ID, inner diameter): Der nutzbare Atemwegsdurchmesser. Er bestimmt den Atemwiderstand, die maximale Absaugkatheter-Größe und die Luftmenge, die pro Atemzug passieren kann.

Das Verhältnis zwischen ID und OD ist das zentrale Qualitätsmerkmal einer Kanüle. Maximal viel Innendurchmesser bei minimalem Außendurchmesser – das ist die Designaufgabe. Jede Funktion, die zur Kanüle hinzukommt, verschlechtert dieses Verhältnis.

Der peritracheale Spalt

Der Raum zwischen Kanülenschaft und Tracheawand ist beim entblockten Patienten der Atemweg nach oben – die Voraussetzung für Phonation, physiologisches Schlucken und Sprechventileinsatz.

Als Orientierungswert gilt: Der OD der Kanüle sollte etwa zwei Drittel des Tracheadurchmessers betragen. Ein Drittel bleibt als peritrachealer Spalt – ausreichend für Atemfluss nach oben, ohne dass die Kanüle zu locker sitzt.

Ist die Kanüle zu groß – OD zu nah am Tracheadurchmesser – gibt es keinen Spalt. Entblocken ist möglich, aber Luftstrom nach oben ist eingeschränkt oder nicht vorhanden. Sprechventil funktioniert nicht. Dekanülierungsvorbereitung ist erschwert.

Angabe in Charrière, French oder mm

Kanülengrößen werden je nach Hersteller und Konvention unterschiedlich angegeben:

  • Millimeter (mm): Innendurchmesser oder Außendurchmesser – je nach Konvention, deshalb immer klären, was gemeint ist
  • Charrière (Ch) / French (Fr): 1 Ch = 1/3 mm Außendurchmesser; verbreitet bei Kathetern, gelegentlich auch bei Kanülen

Die fehlende globale Standardisierung ist ein echtes klinisches Problem: Eine „Größe 8“ bedeutet bei verschiedenen Herstellern Unterschiedliches – ID 8 mm, OD 8 mm oder eine herstellerspezifische Klassifikation. Beim Kanülenwechsel immer Außen- und Innendurchmesser in Millimetern kennen, nicht nur die Herstellergröße.

Länge und Krümmung

Trachealkanülen sind gekrümmt – sie folgen der anatomischen Kurve von Stoma in die Trachea. Der Krümmungsradius und die Gesamtlänge bestimmen, wie weit die Kanülenspitze in die Trachea ragt und ob sie die Hinterwand berührt.

Standardlängen passen für die meisten erwachsenen Patienten. Verlängerte Kanülen – proximal verlängert (längerer Anteil außerhalb der Trachea) oder distal verlängert (tiefer in die Trachea reichend) – sind für anatomische Besonderheiten: adipöse Patienten mit kurzem Hals, tief liegendes Stoma, Trachealstenose distal der Standardposition.

Eine Kanüle, deren Spitze die Tracheahinterwand berührt, ist falsch dimensioniert. Sekret sammelt sich dort, Granulome entstehen, Absaugen wird traumatisch. Das ist kein Anlass für mehr Absaugen – es ist Anlass für eine andere Kanüle.

Was das für die Praxis bedeutet

Kanülenwahl beginnt mit Messen. Nicht mit dem Katalog, nicht mit der Gewohnheit, nicht mit dem, was zufällig vorrätig ist. Der individuelle Tracheadurchmesser bestimmt den maximalen OD. Der klinische Bedarf bestimmt die nötigen Funktionen. Und jede Funktion, die nicht gebraucht wird, sollte nicht vorhanden sein – weil sie den ID reduziert und damit das Wesentliche: den nutzbaren Atemweg.


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